Nahtzugabe – Ein Schlüssel zu perfekt sitzender Kleidung

Warum sie mehr ist als "Platz zum Zusammennähen"

Hast Du Dich schon einmal gefragt, warum wir eigentlich eine Nahtzugabe brauchen?
Für viele ist sie einfach „der Streifen Stoff neben der Naht“ – aber tatsächlich entscheidet sie darüber, wie gut Dein Kleidungsstück sitzt, wie haltbar die Naht ist und wie professionell Dein Ergebnis wirkt.

Die Nahtzugabe ist sozusagen die unsichtbare Heldin beim Nähen – unauffällig, aber unverzichtbar.
Wer sie versteht und richtig nutzt, hat ein wichtiges Werkzeug in der Hand, um Projekte haltbarer und schöner zu gestalten.

Was ist die Nahtzugabe - und wie beeinflusst sie die Naht?

Zu sehen ist das Rückenteil eines Softshellmantels mit der Vorbereitung für das Nähen des Schwalbenschwanzes. Die Stoffe sind senfgelb und grün.

Die äußere Linie auf einem Schnittmuster zeigt, wo Du nähst – das ist die Nählinie.
Der Bereich zwischen dieser Linie und der Stoffkante ist die Nahtzugabe, also der Spielraum, in dem Deine Naht entsteht.

Dieser zusätzliche Stoff sorgt dafür, dass die Naht nicht ausfranst oder reißt und genügend Material beim Zusammennähen bleibt. 
Je nach Stoffart liegt die Zugabe meist zwischen 0,7 cm und 1,5 cm – bei festen Stoffen darf sie gern auch breiter sein.

👉 Wichtig:
Als Grundregel kann man sagen: Je gröber der Stoff ist, desto breiter sollte die Nahtzugabe sein. Und je feiner der Stoff ist, desto schmaler muss sie sein. Hier geht es darum, dass Deine Naht sauber aussieht. Ein feiner Stoff wird sich in der zu breiten Nahtzugabe biegen. Und ein grober Stoff wird unter einer zu feinen Nahtzugabe ausreißen.

Die Nahtzugabe ist kein Teil der Passform.
Sie verändert also nicht die Form des Kleidungsstücks – sondern gibt Dir nur „Arbeitsraum“, um die Nähte sicher zu verbinden und darauf den Stoff zu versäubern.

Wenn Du wirklich verstehen möchtest, wie Naht, Maschine und Stoffverhalten zusammenwirken, lohnt sich ein Blick in unsere Basiswissen-Kurse zu Overlock und Cover und in unseren Grundkurs Nähen
Dort lernst Du unter anderem Schritt für Schritt, wie Du Deine Maschine perfekt einstellst, die Nahtzugabe präzise einhältst und unterschiedliche Stoffe sauber verarbeitest – für professionelle Ergebnisse von Anfang an.

Warum jede Naht eine Zugabe braucht

Grundsätzlich gilt:
Überall, wo zwei Stoffteile zusammengenäht werden, braucht es eine Nahtzugabe.

Das ist im Grunde ganz logisch – denn dort, wo Du nähst, liegt die Nahtlinie.
Du kannst also nicht direkt am Stoffrand nähen, sonst werden die Stofflagen nicht stabil miteinander verbunden, und die Naht könnte ausreißen.
Diese zusätzliche Stoffkante schafft den notwendigen Abstand zwischen Nählinie und Stoffrand und bietet Platz für Versäuberungen, elastische Bewegung und bei Bedarf auch etwas Spielraum, falls Du Dein Kleidungsstück später leicht anpassen möchtest.

Was musst Du bei  bei geteilten Schnittteilen beachten?

Wenn Du ein Schnittmuster teilst – etwa, um zwei Stoffe zu kombinieren oder ein Designelement einzusetzen – brauchst Du an jeder neu entstandenen Kante wieder eine Nahtzugabe.

Die Teilungslinie selbst ist die Nahtlinie.
Damit die zusammengenähten Stücke später wieder die ursprüngliche Form ergeben, muss also an beiden Kanten eine Zugabe ergänzt werden.
Fehlt diese, „verschwinden“ beim Zusammennähen ein bis zwei Zentimeter Stoff – das fertige Teil wird schmaler als geplant.

Warum Du Schnittanpassungen nicht über die Nahtzugabe machen solltest

Grafik: Warum kann die Nählinie nicht durch eine pauschale Zugabe einer größeren Nahtzugabe verändert werden?

Viele denken: „Ich wähle das kleinere Schnittmuster, und mach das einfach überall 2cm größer. “
Das klingt logisch – ersetzt aber keine richtige Größenwahl. Beim Schnittmuster in der richtigen Größe kann man an den Stellen, wo man evtl. etwas mehr Spielraum benötigt, eine breitere Nahtzugabe lassen - aber die richtige Größenwahl ist für guten Sitz unabdingbar.

Denn: Die Nahtzugabe liegt hinter der Nählinie, also außerhalb der Form, die Dein Kleidungsstück später haben soll.
Fügst Du jetzt für eine insgesamt größere Größe überall 2cm an, sieht man auf dem Schnittmuster oben, dass die nächstgrößere Größe variable Mehrweiten hat. An der Spitze z.B. liegen die Größen nur 3mm auseinander, an anderen fast einen Zentimeter.

Die Zugabe liegt außerhalb der eigentlichen Form, die Dein Kleidungsstück später haben soll.
Wenn Du überall denselben zusätzlichen Rand anfügst, verändert das die Nählinie nicht – und damit auch nicht die Passform.

Deine Näh-Linie bestimmt Deine Passform und ist die eigentliche Kontur Deines Kleidungsstücks. Im Idealfall zeichnest Du Deine Nählinie durch korrektes Ausmessen.

Die korrekte Vorgehensweise:

Wenn Du mehr Weite brauchst, verändere die Schnittlinie, also die tatsächliche Form des Schnittteils.

Miss die benötigte Mehrweite aus und übertrage sie an den betreffenden Stellen.
Nur so bleiben alle Schnittteile zueinander passend und das Ergebnis sitzt harmonisch.
Das bedeutet: Du verschiebst die Linie direkt am Schnitt nach den Maßen, die Du benötigst, und gibst nicht anstatt dessen einfach hier und da eine breitere Nahtzugabe dazu. Wichtig ist auch, dass Du diese Änderung an allen Schnittteilen, die später zusammengenäht werden, machst. 
Nur so bleibt das Verhältnis der Schnittteile zueinander korrekt, und Deine Nahtlinien passen später perfekt aufeinander.

Beispiel aus der Praxis:

Du nähst eine Bluse und möchtest an der Brust 1 cm mehr Weite.
Wenn Du die Schnittteile einfach mit einer größeren Nahtzugabe zuschneidest, bleibt die Brustnaht unverändert – mehr Platz entsteht erst, wenn Du beim Nähen weiter außen nähst.
Dabei verschieben sich aber automatisch Armloch, Schulter und Seitenteil, und die Passform stimmt nicht mehr.

Veränderst Du dagegen die Schnittlinien direkt im Schnitt, bleibt alles in sich stimmig – und die Bluse sitzt genauso, wie sie soll.

Merke Dir:

Die Nahtzugabe ist ein Arbeitsraum – keine Maßveränderung. Sie schenkt Dir Spielraum, um beim Nähen flexibel zu bleiben.
Wenn Du etwas anpassen willst, musst Du an die Schnittlinie, nicht an den Rand.

Nahtzugabe als kreative Sicherheitsreserve

Auch wenn sie keine echte Schnittänderung ersetzt, schenkt Dir die Zugabe Freiheit beim Nähen.
Sie ist Dein kleiner Puffer beim Anprobieren: technisch kein Maß für die Passform, aber praktisch eine Reserve, mit der Du nachjustieren kannst.

Vor allem an Stellen wie Hüfte, Brust oder Po lohnt es sich, etwas großzügiger zuzuschneiden.
So kannst Du beim ersten Anprobieren entscheiden, ob Du mehr Bequemlichkeit möchtest oder lieber eine körpernahe Silhouette.

💬 Eine breitere Nahtzugabe ersetzt zwar nicht das genaue Messen vor dem Zuschnitt, aber sie ist eine kleine Sicherheitsreserve, die Dir erlaubt, Dein Werkstück im letzten Feinschliff perfekt an Deine Figur anzupassen.

Nahtzugaben für unterschiedliche Stoffe und Nähtechniken

Damit die Naht auch bei unterschiedlichen Stoffarten dauerhaft hält, muss die Nahtzugabe zur Stoffstärke passen.
Je nach Stoff und Nähtechnik braucht sie mehr oder weniger Raum.

Auch die Nähtechnik spielt eine Rolle:
Eine französische Naht braucht etwas mehr Platz (ca. 1,2 – 1,5 cm), weil sie doppelt genäht wird.
Bei der Overlock genügt oft weniger, da gleichzeitig genäht und versäubert wird.

💡 Tipp: Zum Thema Französische Naht erscheint bald ein eigener Blogartikel, in dem wir Dir Schritt für Schritt zeigen, wie Du diese elegante Naht perfekt nähst und worauf Du achten solltest.

Zu sehen ist eine Tabelle mit Stoffarten und einer Empfehlung für die Breite der Nahtzugaben: Feine Stoffe (Seide, Viskose): 0,7 – 1 cm Mittlere Stoffe (Baumwolle, Popeline) 1 – 1,2 cm Kleid, Rock Feste Stoffe (Jeans, Canvas): 1,5 – 2 cm Elastische Stoffe (Jersey, Sweat): 0,7 – 1 cm

Den Stoff an der Overlock richtig führen

In der Theorie ist jetzt klar, was die Nahtzugabe bewirkt – doch an der Maschine entscheidet die Technik, wie präzise Du sie wirklich einhältst.
Besonders an der Overlock ist das richtige Anlegen des Stoffes entscheidend, denn hier wird die Nahtzugabe durch das Messer automatisch mitbestimmt.

Grafik: Nahtzugabe bestimmen und Stoff richtig anlegen an der Overlock

Damit Deine Naht später perfekt sitzt, ist es wichtig zu wissen, wie sich Messerbreite, Schnittbreite und Stoffkante zueinander verhalten.

Im Beispiel siehst Du:

  • Nahtzugabe: 1 cm

Teilt sich nach dem Nähen auf in

  • Schnittbreite: 7 mm

  • Abgeschnittener Stoff: 3 mm

👉 Das bedeutet:
Du legst Deinen Stoff bündig mit der rechten Stoffkante ans Messer ( wenn dein Messer 3mm dick ist)
Die Maschine schneidet automatisch etwa 3 mm ab – übrig bleiben 7 mm Nahtzugabe, auf denen genäht und versäubert wird.

So entsteht eine gleichmäßige Nahtbreite, und Deine Nahtzugabe entspricht exakt der eingestellten Schnittbreite.

💡 Tipp:
Achte darauf, dass der Stoff wirklich gerade und ohne Zug an der Messerführung liegt.
Schon kleine Abweichungen verändern die effektive Nahtzugabe – und damit den Sitz Deines Nähstücks.

Wenn Du Deine Overlock wirklich verstehen möchtest, ist unser großer Courleys Overlockkurs genau das Richtige für Dich.
Dort lernst Du, wie Du Messerbreite, Schnittbreite und Nahtzugabe optimal aufeinander abstimmst – für präzise, haltbare und wunderschöne Nähte, ganz gleich welcher Stoff unter der Nadel liegt.

Zum Overlockkurs

Rundungen sauber nähen

Zu sehen ist ein Stoff mit einer nach außen gewölbten Rundung mit Knipsen ind der Nahtzugabe. Genäht wird mit einer Overlock.

Rundungen sind eine kleine Herausforderung beim Nähen – und genau hier zeigt sich, wie wichtig eine gut vorbereitete Nahtzugabe ist.
Damit sich gebogene Nähte nach dem Wenden schön anschmiegen und keine Falten werfen, braucht der Stoff etwas Bewegungsfreiheit.

Diese erreichst Du, indem Du die Nahtzugabe an Rundungen leicht einschneidest:

  • Bei nach innen verlaufenden Rundungen (z. B. Halsausschnitt) setzt Du kleine Einschnitte in die Nahtzugabe.

  • Bei nach außen gewölbten Rundungen (z. B. Kragen oder Ärmelkugel) entfernst Du winzige V-förmige Stückchen.

Dadurch kann sich die Nahtzugabe beim Wenden gleichmäßig verteilen und der Stoff legt sich glatt, ohne zu spannen oder sich zu wellen.

💡 Tipp:
Schneide nur so tief ein, dass etwa 1–2 mm Abstand zur Nahtlinie bleiben.
Je stärker die Rundung, desto enger dürfen die Einschnitte gesetzt werden – so folgt der Stoff jeder Kurve ganz natürlich.

Häufige Fehler im Umgang mit Nahtzugaben

🚫 Zu knapp zugeschnitten: Die Naht hält nicht oder franst aus.
🚫 Zu breit zugeschnitten: Die Naht liegt ungenau, das Kleidungsstück wirkt unförmig.

Tipp: Nähe immer mit passender Nahtzugabe und achte auf gleichmäßigen Abstand zur Stoffkante – zum Beispiel mit einer Führungshilfe oder einer markierten Stichplatte.

Courleys-Tipp von Manu

Nimm Dir an kritischen Stellen wie Hüfte oder Brust ruhig 5 mm mehr Nahtzugabe. Beim ersten Anprobieren kannst Du dann optimal entscheiden, ob Deine Naht noch etwas Weite braucht.

Nach der finalen Anpassung kannst Du überschüssige Nahtzugabe einfach zurückschneiden oder sauber versäubern.
So bleibt Dein Projekt innen genauso schön wie außen – und wird zu Deinem persönlichen Lieblingsstück. 💕

Fazit - Kleine Linie, große Wirkung

Die Nahtzugabe mag unscheinbar wirken, aber sie ist der stille Garant für Stabilität, Form und Passform.
Sie entscheidet mit über das Ergebnis – über den Unterschied zwischen „passt irgendwie“ und „sitzt perfekt“.

Wenn Du Deine Nahtzugaben gezielt wählst und ihre Bedeutung einmal verstanden hast, arbeitest Du automatisch sauberer – und Deine Nähte sehen professionell aus.

Denn genau das ist Nähen:
Liebe zum Detail, Wissen um Technik – und das wunderbare Gefühl, etwas zu schaffen, das wirklich zu Dir passt. 🧵💖

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