Den Fadenlauf verstehen
Gestern haben wir uns bereits mit der Wichtigkeit des Fadenlaufes befasst und uns Fragen wie „Warum brauche ich den Fadenlauf überhaupt?“, „Was ist, wenn er nicht beachtet wird?“ (verdrehte Naht) und „Warum Vorwaschen?“ gewidmet.
Auch heute geht es um allerlei wichtige Themen rund um den Fadenlauf. Seid ihr bereit? Dann los!
Inhaltsverzeichnis
Step by Step in Richtung Zuschnitt
Vielleicht erinnert ihr euch noch an euer erstes Nähprojekt und daran, wie ihr etwas ratlos auf euren Stoff schautet und euch gefragt habt: Und nun?!
Ich erinnere mich allemal an diesen Moment: Mein Schnittmuster lag fertig zugeschnitten neben mir auf dem Tisch und wartete nur darauf, auf den Stoff übertragen zu werden, als mir plötzlich bewusst wurde, wie viele Informationen mir für den nächsten Schritt eigentlich noch fehlen: Welche Seiten meines Stoffes sollte ich wie aufeinanderlegen, damit ich mein Schnittmuster akkurat übertragen und die verschiedenen Teile in der Folge sauber zusammennähen kann?
Erneut taten sich viele Fragezeichen auf und es stellte sich zum ersten Mal ein Gefühl von Überforderung ein. Vielleicht ging es euch ähnlich.
Umso mehr freue ich mich nun über die ausführliche und leicht verständliche Schritt-für-Schritt-Anleitung von Dennis, die mir schlagartig eine große Sicherheit für den Start in mein nächstes Projekt gibt.
Stoff ausrichten
Zunächst gilt es, den Stoff korrekt aufeinander zu legen – und zwar so, dass rechts auf rechts aufliegt. Die rechte Seite meines Stoffes ist immer die schönere, am Ende meines Projektes außenliegende Seite. Bei einem bedruckten Stoff ist diese leicht zu ermitteln. Bei einfarbigen Stoffen können wir sie daran erkennen, dass – so etwa bei Jerseystoffen - die Aneinanderreihung der kleinen Rillen im Stoff horizontal verläuft.
Webkanten übereinanderlegen
So weit, so gut! Im nächsten Schritt ermitteln wir unsere Webkanten und legen sie möglichst gerade aufeinander. Ist der Stoff von handlicher Größe, können wir dies in hängendem Zustand tun. Dafür umfassen wir mit den Fingerspitzen unseren Stoffbruch und verschieben den Stoff so lange, bis beide Webkanten gerade aufeinander liegen. Es besteht alternativ die Möglichkeit, den Stoff liegend auszurichten. Wichtig ist dabei, dass der Stoff wirklich gerade liegt und sich keine Wellen oder Falten bilden. An dieser Stelle schon einmal gut zu wissen: Der Fadenlauf, der beim Zuschnitt unseres Stoffes eine wichtige Rolle spielen wird, verläuft immer parallel zur Webkante!
Für ein effizientes und stoffsparendes Zuschneiden gibt Dennis einen tollen Tipp. Dabei werden im ersten Schritt erneut beide Webkanten aufeinandergelegt. Die Mitte unseres Stoffes markieren wir mit einer Stecknadel und klappen den Stoff zunächst wieder auf. Anschließend legen wir erst die eine Seite mit der Webkante an die markierte Stelle und im Anschluss wiederholen wir dies auf der anderen Seite.
Auf diese Weise erhalten wir einen so genannten Doppelbruch. Bedeutet: Wir haben nun zwei Stoffbrüche, die wir für den Zuschnitt nutzen können.
Messen, messen, messen
Im ersten Schritt beurteilen wir zunächst per Augenmaß, ob das Schnittteil auf unseren umgeklappten Stoff draufpasst. Anschließend muss das umgeklappte Stoffteil exakt im Fadenlauf liegen. Dafür messen wir über die gesamte umgeklappte Länge mit einem Maßband den Abstand vom Bruch zur umgeklappten Webkante.
Dieser Abstand muss sowohl da, wo der Stoff beginnt, als auch da, wo unser Stoffstück endet (an der Stelle, wo das Schnittteil aufhört) übereinstimmen. Haben wir zum Beispiel oben 50cm, muss auf Höhe des Schnittteil-Endes ebenfalls 50cm sein. So stellen wir sicher, dass unser Schnittteil (unabhängig davon, ob wir es im Bruch anlegen oder ob wir die Fadenlauflinie am Bruch ausrichten) gerade am Fadenlauf liegt.
Schnittteil anlegen
Haben wir unseren Stoff gerade ausgerichtet, wird es spannend, denn jetzt legen wir unser Schnittteil auf den Stoff und der Fadenlauf kommt ins Spiel. Dieser ist in Form einer durchgezogenen Linie mal mit und mal ohne eine richtungsweisende Pfeilspitze an ihrem Ende auf jedem Schnittmuster eingezeichnet.
Mit Hilfe des Fadenlaufes haben wir die Möglichkeit, unsere Schnitteile maximal gerade auf unserem Stoff zu platzieren.
Dafür gehen wir ähnlich vor, wie schon zuvor bei der Ausrichtung unseres Stoffes: Zunächst wird das Schnittteil am Bruch des Stoffes platziert. Anschließend nehmen wir erneut das Maßband zur Hand und messen in regelmäßigen Abständen die Strecke von der Fadenlaufmarkierung bis zum Bruch unseres Stoffes nach und verschieben das Schnittteil so, dass die Abstände auf der gesamten Strecke gleich lang sind.
Dabei ist es wichtig, nach einer Verschiebung des Schnittteils immer wieder an bereits ausgemessenen Stellen nachzukontrollieren, ob die Werte nach wie vor stimmen.
Ist unser Schnittteil schließlich optimal ausgerichtet, wird es mit Stecknadeln oder Klammern am Stoff befestigt, damit beim Zuschnitt nichts verrutschen kann.
Eine gerade Sache - Das nehmen wir mit:
Zusammengefasst bekommst du deinen Stoff also wie folgt in den geraden Fadenlauf: Arbeitest du mit doppelter Stofflage, stellst du zuerst sicher, dass die umgeklappte Stofflage einen geraden Bruch hat. Danach richtest du dein Schnittmuster entweder am Bruch oder an der Webkante gerade aus.
Ist diese Vorgehensweise bei jeder Stoffart identisch?
Von Dennis erfahre ich, dass wir dieses Verfahren bei bestimmten Stoffen leicht abwandeln können und sollten. So verläuft die Webkante von Big Knit durch die grobe Beschaffenheit des Stoffes oft ungerade und ist damit ungeeignet als Orientierungspunkt in Hinblick auf die Stoffausrichtung. Hier ist es sinnvoller, den Stoff am Maschenverlauf auszurichten und ihn anhand einer Längsrippe sauber aufeinander zu legen.
Weitblick macht erfolgreich
Ich finde es großartig, dass Dennis im Kurs unterschiedliche Stoffarten in seine Erklärungen einbezieht. Nichts ist schließlich frustrierender, als in ein Projekt starten zu wollen und dafür in der Theorie alle notwendigen Informationen beisammenzuhaben - nur um dann festzustellen, dass das vorhandene Wissen bei bestimmten Stoffen nicht anwendbar ist.
Die unterschiedlichen Beispiele, die Dennis im Kurs aufführt, schaffen ein grundlegendes Verständnis für die Thematik.
Schon oft hatte ich in Hinblick auf Onlinekurse oder Tutorials zu bestimmten Themen das Gefühl, stumpf nach dem ‚Malen-nach-Zahlen-Prinzip‘ vorzugehen: Ich ahmte zuhause genau nach, was ich im Video sah, ohne die Materie hinter meinem Tun vollumfänglich verstanden zu haben. Das führte in der Folge oft dazu, dass ich beim ersten auftretenden Problem schlagartig überfordert war und eigenständig keinen Lösungsansatz finden konnte. Vielleicht hat der ein oder andere von euch in der Vergangenheit ähnliche Erfahrungen gemacht. Umso mehr freue ich mich über die Diversität an möglichen Szenarien, die in dem Courleys Kurs abgebildet wird.
Fragen führen zu Antworten
Ein weiterer, großer Pluspunkt des Kurses sind die Fragen von ZuschauerInnen, die Dennis mit viel Geduld und noch mehr Erklärtalent ausführlich beantwortet. Viele Fragen nehmen Schwierigkeiten vorweg, die mir bei meiner Projektumsetzung möglicherweise selbst begegnet wären. So etwa die Frage: Wie gehe ich vor, wenn ich mit einem bedruckten Stoff arbeite, bei dem das Motiv nicht gerade zur Webkante ist? Orientiere ich mich für die Ausrichtung des Fadenlaufes trotzdem an der Webkante, ungeachtet der Tatsache, dass mein Muster auf dem fertigen Projekt dann möglicherweise leicht schief steht?
Zuerst gilt es in diesem Fall herauszufinden, ob mein Muster tatsächlich ungerade auf den Stoff gedruckt wurde oder ob dies nur mein erster, trügerischer Eindruck ist. Dafür gibt Dennis einen guten Tipp zur Hand: Die Reißprobe.
Hierbei schneiden wir ein kleines Stück (etwa einen Zentimeter) parallel zur Webkante in die Mitte eines unserer Motive ein und reißen den Stoff über eine längere Strecke hinweg auf. Durch den geradlinig verlaufenden Kettfaden in unserem Stoff gelingt dies ohne jegliche Unebenheiten.
Anschließend können wir beurteilen, ob alle Motive an der gleichen Stelle aufgetrennt sind. Wurde das Motiv ungerade auf den Stoff gedruckt, erkennen wir es auf diese Weise ganz eindeutig. Ist der Stoff tatsächlich leicht schief bedruckt, haben wir die Möglichkeit, ihn mit Hilfe eines Patchwork-Lineals und eines Rollschneiders so zuzuschneiden, dass alle Motive gleichermaßen auf einer Geraden zu finden sind. Dementsprechend fällt zwar der Fadenlauf nicht mehr exakt geradlinig aus, bei einer nur kleinen Abweichung ist dies jedoch verzeihlich. Ist das Muster allerdings merklich schief auf unseren Stoff gedruckt und haben wir eventuell zusätzlich mit anderen Schwierigkeiten zu kämpfen, macht uns eine andere Stoffauswahl das Leben unter Umständen leichter. Wir erinnern uns zurück: Bereits die Auswahl des Stoffes legt den Grundstein für das Projekt und sollte gut überlegt sein!
Eine andere Frage, die speziell in diesem Kontext nahe liegt, lautet: Wie erkenne ich denn eigentlich, ob ein Stoff von guter Qualität ist?
Die Antwort von Dennis ist erfrischend ehrlich: Es ist kompliziert!
Oft fühlen sich Stoffe im Laden anders an als nach der ersten Wäsche daheim. Richtig beurteilen lässt sich die Verwendbarkeit eines Stoffes für unser Projekt erst nach dem ersten Waschen und Trocknen. Dann wird auch die Farbechtheit besonders gut sichtbar. Deshalb der kurze Reminder: Stoffe vor dem Zuschneiden und Vernähen möglichst in die Waschmaschine geben.
Zuschnitt im schrägen Fadenlauf
Nach diesem kurzen Exkurs springen wir thematisch zum Fadenlauf und einer Besonderheit zurück, die wir uns für bestimmte Zwecke zu Nutze machen können: Dem Zuschneiden ausgewählter Schnittteile im schrägen Fadenlauf.
Bestimmt fragt ihr euch jetzt: Wieso schräg? Bisher lautete der Tenor unserer Thematik schließlich immer: Gerade, gerader, am Geradesten!
Um diese Frage zu beantworten, schauen wir zunächst noch einmal auf unser jüngst angeeignetes Wissen rund um die Beschaffenheit von unterschiedlichen Stoffen und erinnern uns in diesem Kontext an ihre Herstellungsart zurück.
So weisen viele gewebte Stoffe, durch die in regelmäßigen Abständen erfolgte Verschlingung der Schussfäden um die Kettfäden herum, eine hohe Formstabilität auf. Sie sind also wenig dehnbar (je mehr Elastananteil, desto dehnbarer könnte auch eine Webware sein (Beispiel: dehnbarer Jeansstoff). Das ist nicht prinzipiell ein Nachteil. Je nachdem, was wir nähen möchten, ist diese Charaktereigenschaft von Webware möglicherweise ausdrücklich erwünscht.
Nun ist es aber so, dass wir manchmal auch bei einem eigentlich undehnbaren Stoff eine gewisse Dehnbarkeit benötigen. Beispiele könnten sein: Wir machen eine Einfassung und diese soll sich rund legen. (Schrägband).
Oder wir wollen aus einem undehnbaren Stoff einen Rock nähen und dieser soll besonders weich fallen.
Wenn wir also jetzt die Webware im 45 Grad Winkel zur Webkante zuschneiden, schneiden wir quer durch die Kett- und Schussfäden hindurch. Ziehen wir dann beim Nähen einer Rundung das Schrägband ein wenig in die Länge, kann es sich schön rund um die Kante legen, ohne Wellen zu schmeißen.
Kleines Beiwissen: Bei Ebay wurde immer gern Schrägband aus dem geraden Fadenlauf verkauft. Das ist nichts Anderes, als in Streifen geschnittener Stoff, der nicht in die Länge gezogen werden kann und somit bei einer Verarbeitung um eine Kurve immer Wellen schmeißt!
Durch dieses Vorgehen ( 45 Grad Schnitt) werden die Kett- und Schussfäden unseres Stoffes also nicht geradlinig, sondern schräg angeschnitten. Dadurch verlieren sie ein Stück ihrer Formstabilität, aber das zugeschnittene Stück Stoff wird insgesamt dehnbarer und fällt auch weicher, weil es eben keinen Halt durch die Kett- oder Schussfäden hat, sondern im Prinzip die Zwischenräume auseinander gezogen werden.
Darum kann ein Zuschnitt des Stoffes im schrägen Fadenlauf sinnvoll sein, wenn wir Kleider oder Röcke nähen möchten, da er sich auf diese Weise besser den Konturen des Körpers anpasst und fließender fällt. Zusätzlich erhalten wir mehr Dehnbarkeit für enganliegende Partien in Strickstoffen - die ebenfalls im 45 Grad-Winkel weicher fallen / dehnbarer sind. Aber Vorsicht: Die Gefahr des Ausleierns ist im schrägen Fadenlauf insbesondere bei Strickstoffen sehr hoch!
Auch Stoffe, die bi-elastisch sind, also dehnbar nicht nur in eine Richtung, sondern in alle Richtungen, sind besonders zu behandeln. Es gibt immer eine Richtung, in die der Stoff dehnbarer ist als in andere, zB Lycra ab und an. Schneidet man daraus zB eine Panty, muss die dehnbarere Richtung quer zum Körper liegen. Ein wirklich sehr umfangreiches Thema, über das hier ewig weiter philosophiert werden könnte.
Insgesamt lässt sich jedoch sagen, dass die zusätzliche Dehnbarkeit den Tragekomfort, insbesondere bei sehr enger Kleidung, ungemein erhöht. Gerade hier sieht man, wie wichtig ein vorheriges Überlegen beim richtigen Zuschnitt ist. Denn wenn der Zuschnitt nicht stimmt, kann das den Fall und die gesamte Wirkung zerstören.
Aber Achtung, der Zuschnitt im schrägen Fadenlauf hält Tücken bereit: So sollte bei dem Zuschnitt von Rockteilen aus gemustertem Stoff unbedingt darauf geachtet werden, nicht beide Teile parallel zueinander, sondern gegengleich in den schrägen Fadenlauf zu legen. Andernfalls verläuft unsere Naht schlussendlich schief.
Ende gut, alles gut!
Der Kurs neigt sich dem Ende zu und ich bin ganz baff, wie viele Informationen und hilfreiche Tipps sich hinter einem Onlinekurs mit einer Dauer von einer Stunde und zehn Minuten verbergen können. Mein zu Anfang des Kurses noch sehr vages Wissen über die Thematik des Fadenlaufes hat sich mittlerweile zu einem echten Profi Know-How entwickelt und ich kann es kaum erwarten, das Gelernte in die Tat umzusetzen.
Ich hoffe, euch mit diesem Blogbeitrag eventuell auch das ein oder andere Fragezeichen genommen zu haben und freue mich auf unser nächstes Zusammentreffen im Courleys Blog. In diesem Sinne: Viel Spaß beim Nähen und bis ganz bald,
Deine Dawna





